Wider die Legende – eine Lanze für das Werk brechen
Der Medienrummel rund um den 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns ist enorm. Zumeist geht es an erster Stelle um den „Gala-Faktor“ ihrer Biografie, um Bachmanns Glamour, ihre Liebesbeziehungen und ihr Sterben an schweren Brandverletzungen in Rom. Viel später kommt das Werk zur Sprache.
Die Autorin Helga Schubert mahnte in ihrer Eröffnungsrede zu den 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, also des Bachmann-Wettbewerbs, nicht der Versuchung zu erliegen, das Werk aus dem Leben zu erklären. Genau das ist auch der Ansatz von Regisseurin Regina Schilling. Sie setzt nicht auf das klassische, den Menschen übermalende Biopic. Archiv-aufnahmen, Interviews, Briefe und Texte bilden das Fundament ihres Films. Das Bindeglied ist Sandra Hüller. Sie spielt Bachmann nicht, sie stellt ihre Präsenz zur Verfügung, bewegt sich wie ein Medium durch die Gedankenwelt der Autorin. Hüller denkt Bachmann, statt sie zu imitieren und verhindert so, dass der Film zu einer bloßen Fernsehdokumentation gerät. Sie schafft einen Zwischenraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Text und Körper.
Schilling arbeitet Bachmanns literarische Radikalität heraus. Die Autorin schrieb seit den frühen 1960er Jahren an ihrem unvollendet gebliebenen „Todesarten“-Zyklus, untersuchte darin systematisch die Gewaltverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Die Frauenfiguren werden nicht nur psychisch zerstört; sie verschwinden, zerbrechen, sterben an gesellschaftlichen Machtstrukturen. Heute lässt sich einiges davon als Analyse von Femiziden lesen. Bachmann beschrieb die Mechanismen männlicher Gewalt und ihre tödlichen Folgen mit einer Schärfe, die ihrer Zeit weit voraus war, dachte die Nachwirkungen des Faschismus, die Gewalt in privaten Beziehungen und die Negierung weiblicher Erfahrung immer zusammen. Frappierend, wie modern diese Texte geblieben sind.
Zu den stärksten Momenten des Films gehören auch die fast beiläufig wirkenden Archivbilder diverser Schriftstellertreffen. Sie zeigen eine Autorin, die sich in einer literarischen Öffentlichkeit bewegt, in der fast ausschließlich Männer über Sichtbarkeit, Bedeutung und Wert entscheiden. Auf den Podien, in den Jurys, in den Fernsehstudios und Diskussionsrunden sitzt Bachmann oft als einzige Frau unter Männern, die sie befragen, beurteilen, interpretieren und einordnen. Die Regie bewertet nicht, vertraut den Bildern, die zeigen, wie Ingeborg Bachmann sich aus ihrer Zeit und deren Grenzen herausgeschrieben hat.
Umso grotesker, dass die öffentliche Erinnerung auch heute immer wieder auf dieselben biografischen Sensationen zurückfällt. Ihre Romane gehören zum Kanon, ihre Texte werden gelesen, ihre Aktualität ist unbestritten. Dennoch bleibt die eigentümliche Tendenz, immer wieder über Bachmann zu lesen, statt Bachmann zu lesen. Neue Ausgaben von Briefwechseln, Korrespondenzen und Dokumenten halten die Aufmerksamkeit beständig bei den Beziehungen: bei Paul Celan, bei Hans Werner Henze und bis zum Überdruss bei bei Max Frisch. Ihre eigenen Texte geraten gelegentlich fast zu Fußnoten zu ihrem Leben.
Die große Kraft von Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war ist die konsequente Verschiebung des Blick von der Legende zurück zum Werk. Schillings Film erinnert daran, wie groß und vielfältig es ist. Die Gedichte, die Prosa, die Hörspiele, in denen Bachmann konsequent, unnachgiebig und visionär die Möglichkeiten und Beschädigungen der Sprache erforschte.
Grit Dora