Was für ein Abgang! Pro & Contra und Kritik zu »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße«
Wieder mal wird eine DDR-Geschichte erzählt. Tragen Charly Hübner und ein großartiges Ensemble Wolfgang Beckers letzten Film? Gelingt ihm eine aktuelle, unsere Zeit hinterfragende und im besten Sinne unterhaltsame Komödie? Unsere Autoren sind sich nicht ganz einig.
PRO
Berlin 2019: Micha Hartung (Charly Hübner) betreibt eine Videothek, verschuldet, aus der Zeit gefallen, ein Museum des analogen Trostes. Dann steht ein Journalist vor ihm und sagt sinngemäß: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Held. In Stasi-Akten taucht Hartungs Name im Zusammenhang mit der „größten Massenflucht“ aus der DDR auf – 127 Menschen sollen über den Bahnhof Friedrichstraße in den Westen gelangt sein. Und weil bald der 30. Jahrestag des Mauerfalls ansteht, braucht die Gegenwart dringend eine Vergangenheit, die sich gut erzählen lässt.
Der große Regisseur Wolfgang Becker erzählt das als Tragikomödie über Erinnerungspolitik, Medienhunger und den deutschen Reflex, aus Komplexität eine Legende zu stanzen. Hartung ist kein Hochstapler aus Talent, eher ein Mann, dem die Rolle übergestülpt wird – und der dann merkt, dass Anerkennung für einen wie ihn, der sich im Stillstand eingerichtet hat, ein Suchtmittel ist. Die Kohle braucht er auch, dringlichst. Also mischt Micha munter mit, obwohl er ahnt, dass die Sache nicht gut ausgehen wird. Denn um Wahrheit geht es der Reportage-Maschinerie kaum, gefeilt wird an der perfekten Dramaturgie. (Die Redaktionskonferenz ist ein hübsch inszeniertes »Schtonk!« Echo).
Der Clou ist dabei nicht der historische Plot, sondern Beckers Blick auf die Mechanik des Erzählens: Wie kleine Fakten zu großen Mythen werden, wie sich Lücken plötzlich wie Schicksal anfühlen, sobald jemand die passende Überschrift darüber setzt. Diese Lust am gut gebauten Fake schlägt den Bogen zu Beckers größtem Erfolg »Good Bye, Lenin!«. Dort war die Lüge ein Liebesdienst, ein Schutzraum für eine Mutter und ein Kommentar auf die irre rasende Wirklichkeit von 1989/90. Hier ist die Lüge ein PR-Produkt, kollektives Storytelling, das sich selbst für Aufarbeitung hält.
Dass Becker den Film schwer krank inszenierte und kurz nach Drehschluss starb, ist keine Fußnote, sondern eine zweite Spur: Becker konnte noch inszenieren, mitspielen und einen Rohschnitt sehen. Besonders berührend, weil fantastisch humoristisch, ist sein Cameo-Auftritt im Film-Finale. Hier sieht man, wie sich einer dafür entschied, seiner Endlichkeit ins Auge zu sehen und im Wissen um den nahenden Tod noch mal das zu tun, was er am liebsten tat: Filme drehen.
Behutsam, ganz im Sinne Beckers fertiggestellt wurde der Film von Achim von Borries und dem Team. Der Kinostart um den ersten Todestag wirkt wie das Ausrollen eines Teppichs für jemanden, der nicht mehr durch die Tür kommt.
Auch ohne das Wissen um Beckers Tod wirkt der Film wie eine Umarmung. Eine seiner ganz großen Qualitäten war sein stets liebevoller Blick. Das Ensemble dankt es ihm mit maximal zugewandtem Spiel. Die Star-Dichte ist hoch. Neben Charly Hübner spielt Christiane Paul als sympathisch hölzerne Staatsanwältin, die den Videothekenbesitzer auch mit ihrer Freude an Komposita bezaubert, Stichwort Pausenclown. Jürgen Vogel und Dani Levy glänzen in winzigen Auftritten, Leonie Benesch spielt Michas Tochter. Ein spielerischer Gipfelpunkt ist das Zusammentreffen des DDR-Widerständlers Harald Wischnewsky (Thorsten Merten) mit dem Stasi-Leutnant Fritz Teubner (Peter Kurth) im Ruhestand, das in ein Besäufnis mündet. Kurth kann mit wenigen Blicken den langen Schatten der DDR-Behörden aufrufen, ohne die Figur zur Karikatur zu machen. Und wenn Bernhard Schütz mit bewährt öligem Charme als Bundespräsident auftaucht, fühlt sich das weniger nach Starparade an als nach Beckers alter Spezialität: Prominenz als präzise Pointe, nicht als Glanz. Mit Präzision und Detailversessenheit punkten auch Set Design, Kostümbild und Maske (Claus Jürgen Pfeiffer, Anne-Grit Oehme und Lena Lazzarotto).
Klar ist »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« ein Film über Ost und West, über Erinnerung und Nachwendezeit. Aber zuallererst ist er ein Film über das Erzählen – über die Sehnsucht nach Sinn, nach Anerkennung, nach einer Rolle in der Geschichte.
Grit Dora
SEMICONTRA
Was für ein Abgang! Wolfgang Becker verabschiedet sich trotz schwerer Krankheit mit einem Film, der es in sich hat.
Doch der Reihe nach. Der Film erzählt von den Abenteuern eines unscheinbaren Mannes mit einer Videothek, der die deutsche Öffentlichkeit pünktlich zu den Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls beschäftigt. Becker inszeniert lakonisch und stringent. Er kann dabei vor allem auf Charly Hübner setzen, der das Geschehen glaubhaft mit seinen treublauen Augen vorantreibt und das Tempo der Pointen hochhält. An seiner Seite spielt Christiane Paul, eine tolle Reminiszenz an Beckers ersten Film »Das Leben ist eine Baustelle«. Sie spielte 1997 an der Seite des jungen Jürgen Vogel, Becker zeichnete darin ein realistisches und nüchternes Bild vom Leben in der deutschen Hauptstadt. Heute, ironischer Zungenschlag, spielt Vogel einen smarten Werbemann und versucht Charly Hübner den Lautunterschied zwischen dem tollen Würstchen Fit und Ficken beizubringen. Überhaupt spielt das Ensemble mit größter Freude und seinem Können. Peter Kurth darf den Fiesling und Thorsten Merten den gefallenen Revolutionshelden geben. Allein das garantiert ein wunderbares Filmerlebnis.
Hinzu kommt die clevere, auf das Wesentliche komprimierte Handlung. Geschichte wird zu dem, was sie schon immer war. Zur Erzählung der aktuellen Generation über die Vergangenheit, die bestimmt wird durch die Macht und Deutungshoheiten der Gegenwart. Wunderbar, wie die Politik eine Lösung für das sich anbahnende Dilemma und eine zeitgemäße Version für die Rede im Bundestag findet. Voilà – es spricht - eine schwarze Frau.
Und weder die eine, noch die andere Gruppe kann sich freuen, Ossis und Wessis, ein Begriff, der aktuell eine seltsame Wiederauferstehung feiert, bekommen ihr Fett ab. Und die Politik geht eh den Weg, den sie immer nahm, spannt aktuelle und frühere Schlapphüte in ihrem Sinne ein. Dany Levi darf am Ende den alles zusammenführenden Regisseur geben und Wolfgang Becker dafür den Schlapphut, der die Romanze per Lippenlesen komödiantisch korrekt beendet.
Bei so viel Freude über diesen Film gibt es auch weniger gut Gelöstes. Puristen werden anmerken, dass das böse DDR-Regime nicht kritisch hinterfragt wird (etwas Vergebung darf im historischen Prozess schon sein). Der Look des Films ist nicht so ganz kinogerecht, die Optik hätte, auch im Vergleich zu »Good Bye, Lenin!«, brillanter sein können. Manche Berlinaufnahmen wirken etwas verloren in den Film gesetzt. Der Sinn dieser Maßnahme erschließt sich nicht ganz. Auch nehmen in der Mitte des Films einige Szenen dem Film sein Tempo.
Aber alles in allem ein wunderbarer Film über eines der wichtigen Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte, das insbesondere der jungen Generation viel über jene so fern zurückliegend scheinende Zeit verrät.
Wir können festhalten, Wolfgang Becker inszeniert eine aktuelle, kritisch unsere Zeit hinterfragende und im besten Sinne unterhaltsame Komödie über jenes schon fast 40 Jahre zurückliegende Ereignis Mauerfall.
Mersaw
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