1. Juni 2026

Wir sind gar nicht von Gott

Der Cast und auch die präzise Ausstattung machen Rose zu einem brillanten Film, Kolumne von Grit Dora.
Wir sind gar nicht von Gott

Markus Schleinzer erzählt mit Sandra Hüller in der Hauptrolle die Geschichte einer Frau, die im 17. Jahrhundert versucht, als Mann zu überleben

Der Soldat, wortkarg, narbenverwittert, kommt aus dem Krieg in das Dorf und beansprucht einen Hof. Die notwendigen Papiere hat er dabei. Die Dorfgemeinschaft wittert einen „seltsamen“ Menschen und widerstrebt, aber alles scheint rechtens. Der Soldat nimmt das verfallene Erb-Anwesen in Besitz und baut es mit Hilfe zweier Knechte wieder auf. Er ist handwerklich geschickt und darüber hinaus gebildet, kann lesen und schreiben. Gleichzeitig handhabt er virtuos die Waffe. Als er einen Braunbären schießt, der die Dorfbewohner angreift, gewinnt er an Achtung. Der Soldat will sein Land vergrößern, muss dafür die älteste Tochter des Dorfschulzen heiraten und für Nachkommen sorgen. All das gelingt. Dann führt ein dummer kleiner Unfall zur Katastrophe, sein Geheimnis wird gelüftet. Der Soldat ist eine Frau.

Regisseur und Drehbuchautor Markus Schleinzer erzählt eine Parabel. Mit wenigen Bildern skizziert er zu Beginn die kriegsversehrte Zeit Mitte des 17. Jahrhunderts. Nebel überm Feld, Skelette, eine einsame Figur, die von einer Anhöhe auf ein Dorf schaut. Ebenso minimalistisch, artifiziell und dennoch natürlich wirkend, werden die Verhältnisse im Dorf angerissen. Die Stimme der Erzählerin begleitet die Bilder und lässt von Beginn an keinen Zweifel an der Situation. Eine Land- und Leutebetrügerin sei hier unterwegs und versuche ihr Leben in Hosen nach dem Krieg fortzuführen. Freundlich, beinahe neutral und in dieser Neutralität dennoch emphatisch klingt Marisa Growaldts Stimme und kontrastiert so die zunehmende Bedrückung beim Zuschauen. Weil ab der ersten Filmsekunde klar ist, dass hier nichts gut ausgehen kann. So möchte man eigentlich gern davonlaufen, aber Sandra Hüllers Darstellung zwingt einen in den Sitz. Ihre virtuose Körpersprache und Mimik. Wie sie ohne übertriebene Kostüm- und Maskenzuspitzungen einen Mann spielt. Wie sie zeigt, wie viel Kraft sie diese permanente Verstellung kostet, die offensive Tarnung, die Wortkargheit, Ruppigkeit, das ganze männliche Gehabe, das permanente Auf-der-Hut-Sein. Kurz ist der Moment der Entspannung, als sie ihrer Frau ihre wahre Geschichte erzählt. Dann das bittere Ende. Die Leistungen, die ihr in der Hosenrolle die Anerkennung, den Respekt der Dorfgemeinschaft eingebracht haben, sind null und nichtig. Abgestraft werden muss, wer sich außerhalb der Norm bewegt. Die Angst vor dem Anderen entäußert sich in Feindschaft und Zerstörung.

Für die Geschichte der Land- und Leutebetrügerin hat Markus Schleinzer akribisch recherchiert und festgestellt, dass während des Dreißigjährigen Krieges viele Frauen versuchten, sich als Mann durchzuschlagen, denn, wie Rose im Film sagt: „In der Hose war mehr Freiheit“. Man kann sich nach diesem Film besser vorstellen, wie ein durchschnittliches Frauenleben verlaufen sein mag, wenn die Konsequenzen der Entdeckung und Hinrichtung für ein Leben als Mann in Kauf genommen wurden. Gleichzeitig erzählt Schleinzer natürlich einiges über die Gegenwart, die im direkten Vergleich nicht besonders progressiv rüberkommt. Gefahr ist allzeit im Verzug. Dennoch schafft er auch lichte Bilder, lässt in kurzen Einstellungen Visionen eines anderen Zusammenlebens aufscheinen. Neben Sandra Hüller (Silberner Bär für »Rose«) überzeugt Caro Braun als die Frau des vermeintlichen Soldaten in ihrer ersten Spielfilmrolle. Die Männer werden von Godehard Giese, Robert Gwisdek und Sven-Eric-Bechtolf fein gezeichnet, sie sind keine Brutalos, sie halten sich nur buchstäblich an die Regeln. Der Cast und auch die präzise Ausstattung (Szenenbild: Olivier Meidinger, Kostüme: Doris Bartelt und das großartige Maskenbild von Anette Keiser) machen Rose zu einem brillanten Film. Im Nachhinein fällt noch auf, wie kunstvoll Markus Schleinzer mit Auslassungen arbeitet. Die Vierfach-Vergewaltigung der Rose wird nur ganz nebenbei angesprochen, die Hinrichtung nicht gezeigt. Stattdessen nur deren von der Delinquentin gewünschte Probe, die fast heiter anmutet. Indem sie den wenigen Gestaltungsspielraum ihrer letzten Monate nutzt und ihre Geschichte niederschreibt, gewinnt Rose ein Stück Deutungshoheit. Und verliert ihren Glauben. „Wir sind gar nicht von Gott.“

Grit Dora

https://rose.pifflmedien.de/