Ein Einfacher Unfall
Vahid (Vahid Mobasseri), ein Automechaniker in Teheran, hat einen Gefängnisaufenthalt überlebt, doch die Folter hat chronische seelische wie körperliche Spuren hinterlassen. Als Eghbal, dessen Wagen streikt, weil er einen Hund überfahren hat, in Vahids Werkstatt landet, schlägt das Schicksal zu, nicht visuell, sondern auditiv: Vahid hört das Quietschen von Eghbals Beinprothese, ein Geräusch aus der Folterhölle. Plötzlich ist die Gewissheit da: Der Mann, der gerade vor ihm steht, ist sein Peiniger. Vahid entführt Eghbal, um Vergeltung zu üben, doch dann kommen ihm Zweifel. Das Prothesengeräusch ist sein einziger Beweis, er hat im Gefängnis nie das Gesicht des Mannes sehen können, der ihn quälte. Was, wenn er einen Unschuldigen tötet? Also sucht er Zeugen, Beweise, Gewissheit. Eine Gemeinschaft der Überlebenden kommt zusammen, aber die Erinnerungen aller sind durch das Trauma gebrochen und ihre Philosophien zu Rache und Vergebung ganz verschieden. Die Suche nach Wahrheit wird zur Zerreißprobe. Jeder muss sich fragen, wie er selbst in dieser Situation handeln würde und was Gerechtigkeit überhaupt noch bedeuten kann, wenn die staatlichen Strukturen versagt haben. Regisseur Jafar Panahi ist selbst die wohl bekannteste lebende Verkörperung des iranischen Widerstands-Kinos. Mit Filmen wie »Taxi Teheran« (2015) oder »Drei Gesichter« (2018) schaffte er es stets, die politischen Realitäten seines Landes zu spiegeln. Panahi, der selbst inhaftiert war und dem die Arbeit immer wieder untersagt wurde, nutzt die Beschränkungen des Kammerspiels und der psychologischen Studie, um ein universelles Drama über die Last der Ungerechtigkeit zu entfalten. Sein neuer Film (in Cannes mit der Goldenen Palme prämiert) ist denn auch kein klassischer Rachethriller, sondern eine gnadenlos präzise Untersuchung dessen, was passiert, wenn die Opfer beginnen, die Rollen der Richter und Henker zu übernehmen. Die Frage, ob das Quietschen der Prothese ausreichend ist, um ein Leben zu beenden, wird zum philosophischen Kern des Films. Panahi inszeniert mit einer konzentrierten Intensität, die jede Dialogzeile und jedes Zögern der Darsteller Vahid Mobasseri und Ebrahim Azizi im Angesicht des drohenden Grabes auflädt.
Grit Dora
Buch: Jafar Panahi
Regie: Jafar Panahi
Darsteller: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panahi, Mohamad Ali Elyasmehr
Kamera: Amin Jafari
Produktion: Philippe Martin, Jafar Panahi
Bundesstart: 08.01.2026
Start in Dresden: 08.01.2026
FSK: ab 16 Jahren