Unter Kontrolle

Thriller/Science-Fiction, Deutschland/USA 2008, 87 min

Beliebtestes Element der abendlichen TV-Unterhaltung sind in den letzten Jahren Serienkiller und ähnlich gestörte Helden geworden. Natürlich in Hochglanzästhetik und moralisch schön sauber getrennt - in gute Cops und böse Killer. Im Kino bevölkern Freddy, Henry, Hannibal und wie sie alle heißen, schon länger die Leinwand und sorgen oft dank auch der Ambivalenz ihrer Figuren für einen wohligen Schauer. Eine hohe Messlatte also, dem Genre noch etwas abzugewinnen. Jennifer Chambers Lynch, das sei vorab ganz klar gesagt, meistert sie sehr korrekt, woran ihr Vater David Lynch als Produzent sicherlich nicht ohne Anteil ist. Die Geschichte der Ermittlung in einer Mordserie irgendwo im Nowhere des Mittleren Westens wird zu einem menschlichen Desaster und darüber hinaus zu einer verstörenden Parabel über Gewalt und Ausweglosigkeit.
Ein Highway in einer windigen Einöde. In dieser Landschaft mit wenigen Häusern geschehen brutale Morde. Das FBI fliegt zwei Ermittler ein, die die Zeugen des Geschehens in der Polizeistation verhören. Langsam werden der Verlauf des Verbrechens und Einzelheiten deutlich: Die gestörten Cops Bennett und Conrad hielten wie immer nach Opfern Ausschau. Bobbi und Johnny bretterten mit viel Stoff in ihrem kirschroten Plymouth Duster über den Highway. Vor ihnen fuhren die kleine Stephanie und ihre Familie in den Urlaub. Jäh wurde die friedliche Szenerie durch einen Gewaltausbruch zerfetzt. Die kleine Stephanie sagt später, dass es wie schon so oft passierte, dass die Erwachsenen kleinen Kindern nicht zuhören - egal, wie sie versuchte, ihnen begreiflich zu machen, was sie aus dem Fenster beobachtet hatte. Während für die FBI-Beamten und den Zuschauer sich nach und nach der Ablauf erschließt, wird allmählich klar, dass die „Wahrheit“ oft zwischen den Dingen sichtbar ist, aber auf die Kleinen hört ja eben keiner…
Jennifer Chambers Lynch gelingt es, eine surreale und gewalttätige Szenerie zu entwickeln, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Die Geschichte wird in einer eigenwilligen Ästhetik paralleler Rückblenden und einer fast klaustrophobischen Szenerie der Gegenwart streng geradlinig erzählt. Der großartige Twist gegen Ende ist logisch und grausam schön inszeniert. Unterstützt wird Jennifer Chambers Lynch durch eine hervorragende, die Rückblenden in verhangen-schöne Bilder tauchende Kamera und einen präzisen Schnitt. Die unterschwellig wirkende Tonebene mit einigen wenigen prägnanten Songs, aber einer intensiven Geräuschebene trägt fast unbemerkt dazu bei. Zu Höchstform laufen Bill Pullman (aktuell in »You kill me« zu sehen und kein Unbekannter im Lynch’schen Universum) und Julia Ormond auf.
Der Film wird die Besucher spalten, zu konsequent ist er in seiner Inszenierung und der nihilistischen Sicht auf unsere grausam, schöne Welt. Einzig positiv der Blick auf Kinder, frei von Illusionen und Nettigkeiten, aber die Arroganz und das Unverständnis Erwachsener zeigend.
Vermutlich aber wird »Unter Kontrolle« zu der Kategorie Filmen gehören, welche in einigen Jahren in einem Atemzug mit »Sieben« und »Henry - Portrait of a Serial Killer« genannt werden.
Selbst die FBW gab ihm ein Prädikat wertvoll und urteilte lakonisch „Jennifer Chambers Lynch tritt mit »Unter Kontrolle« endgültig in die großen Fußstapfen ihres Vaters und hat einen nihilistisch anmutenden Thriller geschaffen, der - neben perfektem Handwerk und ebensolcher Dramaturgie - ständig das Antizipierte über den Haufen wirft: gewalttätig, aber nicht verherrlichend, so abgehoben, dass die Brutalität surreal bleibt und die psychische Ebene gewahrt wird.“