Minotaurus

Drama, Frankreich/Lettland/Deutschland 2026, 142 min

Ein Mann, der gewohnt ist, dass die Dinge nach seinen Vorstellungen laufen, gerät in eine Lage, in der sich plötzlich nichts mehr kontrollieren lässt. Gleb (Dmitriy Mazurov), erfolgreicher Unternehmer in einer russischen Provinzstadt, muss sich den wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine stellen. Auch zu Hause bröckelt es: Seine Ehe mit Galina (Iris Lebedeva) ist aus dem Gleichgewicht geraten, und der Verdacht, dass seine Frau ihn betrügt, lässt ihn nicht los.
Nach neun Jahren Pause kehrt der russische Regisseur Andrej Swjaginzew (»Leviathan« und »Loveless«) in die Kinos zurück. Auch diesmal interessieren ihn politische Verwerfungen nicht als abstrakter Hintergrund, sondern in ihren Auswirkungen auf den Alltag. Während die Behörden von Gleb verlangen, Mitarbeiter für den Krieg abzustellen, versucht er, seine Firma und seinen Wohlstand zu schützen. Zugleich wächst sein Bedürfnis, auch im Privaten die Kontrolle zu behalten. Doch je stärker er unter Druck gerät, desto kälter begegnet er den Menschen in seiner Umgebung. Swjaginzew zeichnet das Porträt eines Mannes, dessen Selbstbild ins Wanken gerät und der, Selbsteinsichten unzugänglich, mit maximaler Härte reagiert. Als Gleb von einer Affäre seiner Frau erfährt, erlebt er das nicht als Zeichen einer längst zerrütteten Beziehung, sondern als Kränkung seines Besitzanspruchs. Dass seine Frau sich seinem Zugriff entzieht, verletzt für ihn eine Ordnung, die er für selbstverständlich hält. Andrej Swjaginzew führt einmal mehr Macht als Möglichkeit vor, patriarchale Gewalt im Privaten wie im Öffentlichen auszuüben und die Konsequenzen auf andere abzuwälzen. Den brutalen Inhalt kontrastiert er mit atemberaubender stilistischer Eleganz.
Grit Dora